Risiko, Chance oder doch nur ein „Tick the Box“-Thema? | Brunswick Group

Risiko, Chance oder doch nur ein „Tick the Box“-Thema?

Die wachsende Bedeutung von Biodiversität für Unternehmen

Biodiversität wird aufgrund der CSRD-Berichtspflichten auch für deutsche Unternehmen ein ESG-Thema, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Während sie in einigen Branchen bereits fest etabliert ist, sind andere noch weit weg davon. Umweltschutz, Gewässerschutz – machen wir alles, ist doch gesetzlich geregelt hier, heißt es häufig. Ist das zu kurz gesprungen? Welchen Impact haben Unternehmen mit ihren globalen Wertschöpfungsketten auf sensible Ökosysteme weltweit? Und wie gehen sie am besten damit um? Brunswick veranstaltete ein Webinar zum Thema und erörterte zusammen mit vier Expert:innen, wie Unternehmen Biodiversitätsrisiken und -chancen erkennen und angehen können. Die wichtigsten Erkenntnisse und Impulse aus der Diskussion haben wir hier zusammengefasst.

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Nach Einschätzung des World Economic Forum (WEF) zählt der Verlust der Artenvielfalt und der Zusammenbruch ganzer Ökosysteme mittlerweile zu den größten Risiken für die Weltwirtschaft. Ungefähr eine Million Arten sind heute vom Aussterben bedroht. Mehr als die Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts, rund 44 Billionen US-Dollar, hängt jedoch von einer intakten Natur ab. Dabei sind Klimawandel und Artensterben eng miteinander verknüpft: Das veränderte Klima bedroht eine Vielzahl von Arten, der Verlust an Biodiversität und vor allem die Abholzung von Wäldern beschleunigen die globale Erwärmung. Dies hat auch für Unternehmen geschäftskritische Relevanz.

Ein kürzlich von Brunswick veranstaltetes Webinar brachte vier Expert:innen mit unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema Biodiversität zusammen, um zu erörtern, was Biodiversität für deutsche Unternehmen bedeutet, wie sie Biodiversitätsrisiken für ihr Geschäftsmodell erkennen und transparent machen und wie sie für mehr Biodiversität aktiv werden können. Biodiversitätsschutz als Handlungsfeld umfasst dabei drei Ebenen: den Schutz der genetischen Vielfalt, der Artenvielfalt und der Habitate bzw. Ökosysteme.

Myriam Rapior, Betriebswirtin, Naturschützerin und Forscherin an der Universität Hamburg, Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung, stellte erste Ergebnisse ihrer Studie zum Stand der Biodiversitätsaktivitäten bei deutschen Unternehmen vor und beleuchtete die politische Dimension des Biodiversitätsschutzes. Lara Rechlin von Heidelberg Materials legte dar, wie Biodiversitätsaspekte in die Geschäftsstrategien sowie in den Geschäftsalltag industrieller Unternehmen integriert werden können. Jonas Topp von der Commerzbank erörterte die Rolle von Finanzinstitutionen beim Biodiversitätsschutz, die künftigen Anforderungen von Banken an ihre Unternehmenskunden sowie die Herausforderungen und Chancen bei der Umsetzung von Berichtspflichten wie CSRD. Max Kolb vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) gab Einblicke in regulatorische Rahmenbedingungen und deren Einfluss auf unternehmerische Nachhaltigkeitsaktivitäten.

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Die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Runde:

  • Die Bedeutung von Biodiversität für Unternehmen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dies gilt sowohl für die Abhängigkeit der Unternehmen und ihrer Geschäftsmodelle von intakten Ökosystemen als auch für deren Einfluss auf unterschiedlichste Ökosysteme. Unternehmen stehen, nicht zuletzt wegen der in der CSRD inhärenten sogenannten „Doppelten Wesentlichkeit“[1], zunehmend in der Verantwortung, diese Abhängigkeiten und Einflüsse zu erkennen, transparent zu machen und dann entsprechend zu berücksichtigen bzw. gezielt gegenzusteuern. Denn intakte Ökosysteme sichern nicht nur die verlässliche Versorgung mit natürlichen Ressourcen und Rohstoffen, sondern helfen auch, Risiken zu minimieren, die durch menschenverursachte Umweltveränderungen entstehen und gravierende Folgen für Unternehmen haben können – Risiken wie beispielsweise Pandemien oder Überschwemmungen. Viele Unternehmen in Deutschland erachten Biodiversität jedoch noch eher wenig oder gar nicht als „materiell“ und beziehen sie dementsprechend kaum in ihr Risikomanagement oder in ihre Nachhaltigkeitsstrategien ein. Das muss sich ändern, denn Biodiversität ist langfristig geschäftskritisch und daher mehr als „tick the box“ im Reporting.
  • Dabei ist entscheidend, dass Unternehmen ihre gesamte Wertschöpfungskette in ihre Überlegungen einbeziehen, insbesondere ihre Lieferketten. Unternehmen sollten überprüfen, wie ihre Geschäftstätigkeit – von der Rohstoffgewinnung bis zum Endprodukt und dessen Nutzung durch Kunden – auf lokale Ökosysteme und Arten wirkt. Durch die Identifizierung der größtmöglichen Hebel – wie nachhaltige Beschaffung und Lieferantenmanagement, effizientes Ressourcenmanagement und die Reduktion von Emissionen in Luft, Wasser und in Form von Licht – können sie einen bedeutenden Beitrag zum Schutz der Biodiversität leisten. Hier gibt es in der Regel signifikante Chancen.
  • Bestehende Rahmenwerke, Standards und Tools bieten Unternehmen Orientierung und Hilfestellung dabei, Biodiversität in Unternehmensstrategien zu integrieren – werden aber noch nicht flächendeckend genutzt. Die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) bietet ein Rahmenwerk zur Risikobewertung und Berichterstattung in Bezug auf Naturkapital. In Deutschland gehört jedoch nur eine Handvoll von Unternehmen zu den ersten Anwendern, während es auch in kleineren Industrienationen wie der Schweiz oder Schweden bereits mehr sind und die Anzahl von britischen oder japanischen Unternehmen signifikant höher liegt. Der WWF Biodiversity Risk Filter ist ein Tool, das Unternehmen hilft, ihre Risiken zu verstehen und zu bewerten, um sie dann managen zu können. Das Science Based Targets Network (SBTN) wiederum unterstützt Unternehmen dabei, wissenschaftlich fundierte Ziele zum Schutz und zur Wiederherstellung der Biodiversität festzulegen. Durch solche Tools können Unternehmen nicht nur ihre Umweltauswirkungen erkennen und minimieren, sondern auch sicherstellen, dass ihre Geschäftsmodelle zukunftsfähig sind.
  • Die aktive, frühzeitige Einbindung wichtiger Stakeholder sowie der Aufbau von Partnerschaften sind beim Biodiversitätsschutz unerlässlich. Ob Anwohner:innen, lokale Communities, die von der Geschäftstätigkeit des Unternehmens betroffen sind, Behörden und Regierungsinstitutionen, ob NGOs oder akademische Einrichtungen – sie bringen neben ihrer Expertise auch einen kritischen Blick mit, der zu einer ehrlichen und umfassenden Auseinandersetzung des Unternehmens mit der eigenen Verantwortung beiträgt. Darüber hinaus können sie neue Impulse für „Win-Win“-Lösungsansätze liefern. Die Kooperationsbereitschaft ist dabei in der Regel hoch, denn Biodiversität kann meistens nicht im Alleingang wiederhergestellt oder gefördert werden – nötig sind Allianzen und Partnerschaften zwischen mehreren Akteuren.
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  • Biodiversitätsstrategien, -maßnahmen und Klimaschutz lassen sich gut kombinieren und schaffen Synergien. Viele Klimaschutzmaßnahmen haben eine Biodiversitätskomponente und vice versa – seien es die Aufforstung von Wäldern, die Beschaffung nachhaltig nachwachsender Rohstoffe, die Begrünung von Dächern, die Entsiegelung von Böden oder der Verzicht auf „Greenfield Investments“[2]. Die gemeinsame Betrachtung von Maßnahmen unter Klimaschutz- und Biodiversitätsgesichtspunkten spart Unternehmensressourcen und kann besonders wirkungsvoll sein. Biodiversitätsschutz muss daher keine aufwändige „Extraaktivität“ sein. Obwohl Arten- und Habitatschutz durchaus komplex sein kann, sollte dies nicht als Hindernis, sondern als Ansporn gesehen werden, nicht nur das eigene Geschäftsmodell zu dekarbonisieren, sondern auch einen bedeutenden Beitrag zum Biodiversitätsschutz zu leisten.

Trotz der bereits erzielten Fortschritte gibt es in Deutschland noch viel Raum für Entwicklung, so das Fazit unserer Podiumsdiskussion. Die Skalierbarkeit von Biodiversitätsinitiativen bleibt eine Herausforderung, ebenso wie die Vermeidung von „Greenwashing“ durch unzureichend verknüpfte oder transparente Maßnahmen. Die Einbindung von Mitarbeitenden sowie der Lieferkette durch die Schaffung niedrigschwelliger Angebote, die informieren, sensibilisieren, zugleich Spaß machen und Erkenntnisse liefern, können hierbei eine wichtige Rolle spielen. Unsere Diskussion hat gezeigt, dass ein tiefgreifendes und vor allem handlungsorientiertes Verständnis von Biodiversität als geschäftskritisches Thema essenziell ist.

Um das Gespräch fortzuführen

Stefanie Chalk
Partner, Frankfurt
[email protected]

Josefine Brühl
Account Director, Frankfurt
[email protected]

 

Bei Fragen oder zum weitergehenden Austausch zu diesem oder anderen ESG-Themen können Sie mit unserem ESG-Team in Deutschland unter [email protected] Kontakt aufnehmen.

[1] Doppelte Materialität bedeutet, dass Unternehmen Nachhaltigkeitsaspekte aus zwei Perspektiven betrachten und berichten: Die eine Perspektive ist die sogenannte Outside In-Perspektive. Hier müssen Unternehmen betrachten, welche Auswirkungen Nachhaltigkeitsfaktoren wie z. B. der Klimawandel oder Biodiversität auf den Unternehmenserfolg haben. Alles, was den Unternehmenswert beeinflusst, ist zu berücksichtigen. Die andere Perspektive ist die sogenannte Inside Out-Perspektive. Aus dieser sollen Unternehmen betrachten, welche Auswirkungen das unternehmerische Handeln auf Menschen, Gesellschaft und Umwelt hat. [Quelle: PwC]

[2] Während bei Brownfield-Investitionen die Nutzung von bereits bestehenden Anlagen oder früheren Industrieflächen im Vordergrund steht, umfasst das Greenfield Investment alle Fälle, in denen neue Betriebe und Anlagen auf bisher unbebauten Boden errichtet werden.

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